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1. August
Die Gesundheit ist das höchste Gut
Dieses höchste Gut müssen die Bürger mit immer höheren Beiträgen teuer bezahlen. Allein die Einführung des Gesundheitsfonds kostet die Krankenkassen 1,1 Milliarden Euro. Bei der Siemens Betriebskrankenkasse sind schon heute 5% der Mitarbeiter nur mit der Vorbereitung auf die Einführung des Gesundheitsfonds beschäftigt. „Wie sollen da die Beitragssätze stabil bleiben?“ fragt Martin Landeck, Vorsitzender der Freien Wähler Pretzfeld.
Über den Umbruch in der medizinischen Versorgung berichteten Dr. Joachim Mörsdorf, Hausarzt in Pretzfeld, und Thorsten Glauber, der Direktkandidat der Freien Wähler für den Landtag, in einer Informationsveranstaltung, zu der die Freien Wähler Pretzfeld am Freitag, den 1. August um 19:30 Uhr ins Sportheim Pretzfeld eingeladen hatten. Die Änderungen, die der geplante Gesundheitsfonds mit sich bringen wird, war ebenso ein brisantes Thema, wie die Entwicklung auf dem „Ärztemarkt“. Als besorgniserregend bezeichnete Dr. Mörsdorf die Tatsache, dass 40% der Medizinstudenten keine Tätigkeit im Gesundheitswesen aufnehmen. Von 28% der Krankenhäuser werden offene Stellen im ärztlichen Dienst gemeldet. Dazu kommen die Abwanderung deutscher Ärzte und die rückläufigen Studentenzahlen im Bereich Medizin. Das verschärft diese Situation zusätzlich. Dabei habe sich der Beruf des Arztes mittlerweile zu einem Frauenberuf entwickelt. Das trägt dazu bei, dass es hier viele Teilzeit-Stellen gibt und oft Stellen durch Mutterschaft nachbesetzt werden müssen. „Es ist keine Lösung, Ärzte aus Osteuropa einzubürgern.“ sagte Mörsdorf. „Dort werden sie ebenso gebraucht. Und wenn sie schon auswandern, warum nicht gleich dort hin, wo unsere deutschen Ärzte auch hin gehen? Die Bedingungen sind beispielsweise in Skandinavien oder Neuseeland wesentlich besser.“ Er berichtete, dass ein deutscher Arzt in Neuseeland sogar noch mit 58 Jahren eine neue Praxis eröffnen kann. „Die Vorteile liegen auf der Hand: Weniger Bürokratie, mehr Achtung und weniger Existenzangst.“ so Mörsdorf weiter. Vor diesem Hintergrund kritisierte er auch die Medien, die es zulassen, dass Hausärzte als „Rotz am Ärmel“ bezeichnet werden.
Thorsten Glauber befürchtet, dass bei einer absoluten Mehrheit der CSU, nach der Landtagswahl, die Hausärzte wieder die Verlierer sein werden, da über die Einführung des Gesundheitsfonds erst nach der Wahl entschieden wird. „Die Kapitalgesellschaften wie z.B. Röhnklinikum AG, kaufen systematisch defizitäre Krankenhäuser auf, um sie mit billigerem Personal in Fachkliniken umzuwandeln, in denen dann „Fließbandarbeit“ geleistet wird.“ sagte Glauber. Und: „Hier besteht sogar die Gefahr einer Monopolbildung.“ Den Trend zum Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) kritisierte er ebenso, wie die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte. Auf ihr werden nicht, wie ursprünglich geplant die wichtigsten Diagnosen und Behandlungen der jüngsten Vergangenheit eines Patienten abgespeichert, sondern nur eine Patientennummer, mit deren Hilfe man diese Daten von einem Zentralrechner abrufen kann. „Die Daten stehen damit im Notfall nicht unmittelbar zur Verfügung. Und der Zugriff auf den Großrechner lässt sich viel weniger kontrollieren, als der Zugriff auf die Karte.“ so Glauber weiter. Es stehe dabei nicht mehr dar Patient und seine Heilung im Vordergrund, sondern nur der Profit, den man mit der Behandlung einer diagnostizierten Krankheit machen kann.
Als weitere brisante Themen in diesem Zusammenhang erläuterte Dr. Mörsdorf die Gebührenordnung, die in immer kürzeren Zeitabständen geändert wird und den Medikamentenregress, gegen den man sich nur bei sofortiger Einschaltung eines Rechtsanwalts zur Wehr setzen kann. Das Risiko sei hier besonders unberechenbar, da die Krankenkassen erst im Jahre 2007 die Regressforderungen aus dem Jahr 2002 an die Ärzte gestellt haben. „Wir bewegen uns in einer normalen Praxis bei Summen zwischen 100.000 und 900.000 Euro. Mit einem guten Anwalt kommt man dann auf ca. 40.000 Euro herunter. Aber was kommt dann in nächsten Jahr auf einen zu?“ fragte sich Mörsdorf. Er berichtete, davon, dass die DAK bereits ein Callcenter in Brandenburg eingerichtet hat, das von der US-amerikanischen Firma Healthways (ein Schelm, wer „Hell’s ways“ spricht) betrieben wird, und an das die DAK pro Patient 600 Euro pro Jahr zahlt, während ein Hausarzt nur 180 Euro von dieser Krankenkasse erhält. Schließlich kritisierten Glauber und Mörsdorf, dass der Staat mit 19% Mehrwertsteuer auf Medikamente auch noch von den Krankheiten der Patienten profitiert und damit selbst zu den steigenden Kosten im Gesundheitswesen beiträgt. Hier würde der verminderte Steuersatz von 7%, der z.B. auf Druckartikel (auch Comics und Pornografie) und Lebensmittel erhoben wird, bereits für erhebliche Einsparungen beitragen.
In der anschließenden Diskussion erläuterte Dr. Mörsdorf die Funktion der Kassenärztlichen Vereinigung, die entgegen der landläufigen Meinung keine Interessenvertretung der Ärzteschaft ist, sondern nur Verwaltungsaufgaben wahrnimmt. Dr. Obenauf, Chefarzt im Krankenhaus Ebermannstadt, der sich auch unter den Zuhörern befand bedauerte, dass die 2 Millionen Beschäftigten im Gesundheitswesen über keine Lobby verfügen und es auch in diesem Bereich nicht so einfach ist die Kosten an den „Verbraucher“ weiterzugeben, wie beispielsweise in der Automobilindustrie. „Dort“ so Obenauf „sind nur 700.000 beschäftigt. Aber ein Pkw kostet heute bereits das Doppelte, wie noch vor zehn Jahren.“ Ob die Regierung eine solche Entwicklung absichtlich und wieder besseren Wissens zulasst, blieb die offene Frage an diesem Abend. Am 28. September haben die Bürger die Möglichkeit auch darüber abzustimmen.





